Arbeiten wir um zu leben oder Leben wir um zu arbeiten?

Zunächst fällt uns auf, dass Arbeiten und Leben gar keinen Widerspruch darstellen, der es erlaubt, diese doppelte Alternative zu befragen. Wer arbeitet, lebt schließlich und wer lebt kommt nicht umhin, zu arbeiten. Zumindest, wenn wir den Arbeitsbegriff etwas weiter fassen und auch unbezahlte Arbeit, wie Care-Arbeit, künstlerisches Schaffen oder einfach das Konsumieren von Leistungen anderer mit einbezieht.

Weil ich arbeite lebe ich.

Allein um zu überleben müssen wir jeden Tag Arbeit aufwenden, um die Dinge des täglichen Bedarfs zu bekommen. Entweder als Selbstversorger oder als erwerbstätiger Konsument. Wir müssen Arbeit aufwenden, um die Natur zu verändern, damit wir Nahrung haben, eine Wohnung, damit wir uns bewegen können von einem Ort zum anderen. Ein ganzes Universum von Kulturgütern erschafft unser Leben, wie wir es kennen.

Leben ist mehr als Arbeit.

Wir sind uns einig, dass es zumindest in unserer Kultur auch Zeiten ohne Arbeit gibt. Wir nennen es Freizeit. Das scheint das Reich der Freiheit zu sein, wir machen schließlich, was wir wollen. Manche behaupten den Sinne des Lebens hier. Fern von Nutzen und Mehrwert-Ökonomie. Manche finden den Sinn ihres Daseins in ihrer Arbeit.

Arbeit bedeutet Geld, Identität, Anerkennung, Zugehörigkeit.

Wir finden, dass wir aus vielerlei Gründen nicht auf Arbeit verzichten wollen. Wir wünschen uns Dinge, die mit Geld zu bezahlen sind. Wir stellen uns nicht selten mit unserem Beruf bei anderen Menschen vor („Was machst du so?“). Wir bekommen Anerkennung für unsere Leistungen. Wir sind Teil einer durch Arbeit verbundenen Gesellschaft.

Worauf dürfen wir hoffen?

Kein Ausweg also? Vielleicht haben wir die Wahl: ein Wenig arbeiten wir um zu leben, erwerben die Freiheit der Entscheidung weiter zu arbeiten oder eben nicht. Eine Pause vielleicht. In der wir einfach nur so leben.

Verhindern die Baby-Boomer den notwendigen ökologischen und sozialen Wandel in der Gesellschaft?

Zunächst finden wir im Gespräch einige Begründungen dafür, warum die Generation der 60er und 70er den Wandel nicht bereits herbei geführt haben. Sie haben gelebt, geheiratet, Kinder aufgezogen, das Geld dafür verdient. Auch waren die Zeichen für den ökologischen Wandel noch abstrakt. Es finden sich auch resignative oder gar depressive Elemente in den biographischen Erzählungen.

Aber haben die heute 50 und 60jährigen nicht die Macht inne gegenwärtig?

Inzwischen ist klar, viele Gelegenheiten sind verpasst worden. Die Energiewende hat schlapp gemacht. Die Verkehrswende auch. Die soziale Schere geht weiter denn je auseinander. Das sind keine Unterlassungen, sondern es sind die Lösungen der Politik der letzten 30 Jahre.

Wie konnte das passieren?

Wir finden im Gespräch weitere Anhaltspunkte. Wir sind überfordert mit der Vielzahl an Informationen. Deshalb nennen wir den notwendigen Wandel eine Krise. Wenn wir hier in Düsseldorf oder auch im ganzen Land sofort klimaneutral sind, was wäre dann global geändert? Doch nicht einmal das ist vorstellbar.

Wir können uns den Wandel nicht vorstellen, weil wir uns veränderte Welt nicht vorstellen können.

Es gibt die Anregung, selbst einfach anzufangen. Wo auch immer. Fahrrad fahren, vegan leben, Ökostrom kaufen, mit den Nachbarn Werkzeuge teilen, sozial Ausgegrenzte Menschen zur Teilhabe einladen… viele machen das bereits, einige zögern, einige sind skeptisch. Gilt es nicht den „großen Wurf“ politisch hinzubekommen? In Klimakonferenzen wird nur verteilt, was eh schon geschehen ist, sagen manche.

Die Gründe für ein Nichthandeln sind scheinbar die gleichen geblieben wie in den 70ern und 80ern.

Wir gehen diesmal auseinander ohne ein gutes Bild für einen Wandel. Vielleicht müssen wir die Frage anders stellen?

Wie können wir uns eine Ökonomie der Zukunft vorstellen?

Wir haben den Eindruck, dass unsere Art zu leben, zu handeln und zu wirtschaften verändert werden muss. Ein „weiter so“ bedeutet wahrscheinlich eine weitgehende Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Das erfahren wir von den Wissenschaften. Auch ist unsere Wahrnehmung so, dass mehr Krisen und Naturkatastrophen sich ereignen, auch bei uns.

Aber es braucht nicht nur den Impuls, dass es nicht so weiter geht – es braucht auch eine Vorstellung davon, wie es zukünftig anders sein kann.

Wir tun uns schwer damit, ein positives Bild von den zukünftigen Wirklichkeiten zu bedenken. Schnell kommen wir auf Erklärungen, warum es nicht gut ist, was der Fall ist. Dabei greifen wir auf allgegenwärtige Ideologien zurück, auf tradiertes Wissen, auf berichtete Fakten.

Was können wir uns vorstellen, wenn wir allein unsere Erfahrung zur Grundlage eines neuen Wirtschaftens machen?

Einige Beispiele werden berichtet.

In einer Wohngemeinschaft werden Haushaltsgegenstände gemeinschaftlich genutzt. Niemandem gehört etwas davon. Keiner weiß mehr, wann diese von wem angeschafft wurden. Geht etwas kaputt, wird überlegt, ob es ersetzt werden kann. Meist wird auf gebrauchte und „geerbte“ Gegenstände zurück gegriffen, die wenig kosten.

Einige können sich vorstellen, dass sie öfter den öffentlichen Nahverkehr nutzen werden, wenn dieser kostenlos wäre. Die Erfahrung hier ist, dass es oft umständlich oder auch teuer ist, einen Fahrschein zu kaufen. Ein Auto ist meist da und die Osten hierfür fallen ohnehin an.

Können diese Erfahrungen zur Grundlage für eine Ökonomie für eine ganze Gesellschaft gemacht werden?

Viele sind kritisch. In kleinen Gemeinschafen geht Vieles, dass in großen Gesellschaften nicht mehr aufrecht erhalten kann. Die Beziehungen der Menschen sind dann nicht mehr unmittelbar spürbar. Aber es bleibt die Idee, dass wir alle bereits eine andere Form des Wirtschaftens erfahren haben. Wir können auf diese Erfahrung zurück greifen.