Wie frei sind wir wirklich in unserem Denken und Handeln?

Es heißt: Die Gedanken sind frei. Dennoch nehmen wir wahr, dass wir eingebunden sind in Muster des Verstehens, des Beschreibens von Wirklichkeit, des Handelns. Wir sind auf andere Menschen angewiesen und richten unser Denken auf den Erhalt von Beziehungen und die Wahrung von Ressourcen.

Wir entwickeln als Menschen unser Denken parallel zu unseren Erfahrungen, die sich aus unseren Handlungen ergeben.

Ich kann mich vom Arbeitsleben als Angestellte befreien und mich selbständig machen. Doch erfahre ich bald, dass ich in meinem Handlungen nicht frei bin, sondern eingebunden in die Erwartungen meiner Kunden. Auch mein Denken zielt sehr bald darauf ab, die Kundenwünsche zu erfüllen, um in meiner selbständigen Tätigkeit erfolgreich zu sein.

Ich kann in der Liebe zwar darüber nachdenken, anstatt mit Anna mit Leonie zusammen zu sein. Aber wenn ich danach handeln will, treffe ich eine Entscheidung, die meine Freiheit für zukünftige Handlungen nicht vergrößert. Auch ist es weniger denkbar, nach meiner Entscheidung für Leonie erneut über eine Rückkehr zu Anna nachzudenken.

Vieles in meinem Denken scheint bereits in der Kindheit angelegt zu werden. Sitze ich bei meiner Mutter auf dem Sofa, werde ich vielleicht wieder zum Kind. Die Erwartungen anderer Menschen zu verändern, ist mir nur schwer möglich.

Ich scheine gefangen in den Denk- und Handlungsmustern meiner Biographie. Einer Biographie, die ich größtenteils nicht selbst geschrieben habe.

Und dennoch habe ich das sichere Gefühl, dass es einen Spalt gibt zwischen den vielen Bedingungen und Erfahrungen des Lebens, der meine Freiheit ausmacht. Ich kann mich eben doch, so oder so entscheiden. Ich kann darüber nachdenken. Ich kann mein Handeln nach meinen Überlegungen ausrichten. Nicht immer. Aber doch auch.

Ich kann mein Handeln nach meinen Werten beurteilen und meine Freiheit ausüben.

Dies zu tun, jeden Tag ein wenig, ist die Bedeutung von Philosophieren.

Wieviel bestimmen wir selbst, wer wir sind?

Wer wir sind, das wissen wir ja: Name, Alter, Geschlecht, Wohnort, Beruf, Partner*in, Kinder… Wieviel davon haben wir selbst bestimmt? Sind wir vielleicht nur die Zeugen unserer Biographie?

Die Beweislage ist erdrückend. Noch bevor wir den ersten Gedanken reflektieren, haben wir etwa zwei Jahrzehnte in Abhängigkeit von anderen Menschen gelebt. Wir haben gelernt, wie wir uns an die Bedingungen, die andere festlegen, anpassen, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Was wir als uns selbst bezeichnen, dass sind mühsam und leidvoll erworbene Anpassungsleistungen an die Welt, die wir nicht beeinflussen können. Noch dazu bildet sich unser „Selbst“ – ein Set von psychischen und leiblichen Bewältigungsmustern – in einer Zeit fast vollständig aus, in der wir besonders abhängig sind, in der Gebärmutter und einige Monate danach.

Überleben ist scheinbar alles, keine Spur von der Frage nach dem „guten Leben“?

Und doch taucht die Frage auf. Und die Frage spricht: Werde der du sein wirst! Wir spüren, wenn wir uns selbst nicht entsprechen. Wir spüren, wenn die Freiheit anklopft. Wir wollen „Selbst“ sein.

Ein Beispiel. Ich stehe an der roten Ampel. Die Straße ist menschenleer. Kein Auto, nicht einmal in der Ferne. Noch stehe ich hier. Ich bin auf mich selbst geworfen. Folge ich der Vernunft und warte oder folge ich meinem Impuls und fühle mich frei, die Regel zu brechen?

Es wird deutlich, dass sich kein „Nullpunkt“ für das sich selbst Bestimmen finden lässt.

Stets beziehe ich mich auf eine Regel. Ob ich sie befolge oder widerspreche, was daran bedeutet „mir selbst zu folgen“? Wohl am Meisten noch, dass ich überhaupt nicht daran denke, wie ich mich entscheide.

Noch ein Beispiel. Ich halte die Bio-Heidelbeeren in der Hand. Sie kommen von weit her. Wohl mit dem Flugzeug. Soll ich diese kaufen? Ich esse gerne Heidelbeeren. Auch gesund sollen sie sein. Aber ich will auch klimasensibel einkaufen. Wer bin ich „selbst“? Ich bestimme, dass ich heute die Heidelbeeren kaufe, aber in der nächsten Woche nicht.

Ich bestimme, wer ich selbst sein will und werde auch über eine Reflexion meiner Werte.

Ich habe das Gefühl, ich selbst zu sein, wenn ich auf meinen Werten bestehen und mein Handeln danach ausrichten kann. Und an den „Rändern“ meiner selbst scheint sich mein Selbst aufzulösen, wenn ich nicht mehr darüber nachsinne. Dann fühle ich mich auf eine besondere Art ebenfalls ganz „Selbst“.

Manchmal bin ich Zeuge. Und manchmal bin ich Selbst. Das Selbst ist keine Zugabe zur Person, dass diese besitzt. Eher ein Ausdruck innerer Stimmigkeit.

Wie allgemein verbindlich können unsere Werte sein?

Jeden Tag begegnen uns moralische Fragen. Darf ich das letzte Croissant aus dem Brotkorb nehmen? Darf ich eine Ausrede erfinden, warum in nicht zurück gerufen habe? Soll ich meiner Nachbarin ehrlich sagen, wie ich die neue Hose finde? Darf ich ehrlich sagen, dass ich ein Geschenk nicht mag? Die Liste wird täglich länger.

Wie schön wäre es, wenn ich einen moralischen Kompass hätte, der mir jederzeit klar Auskunft gibt, was ich tun soll. Und wenn schon nicht für jede Einzelheit, so doch wenigstens in den großen Fragen.

Denn das ist ja bekanntlich die moralische Frage schlechthin: Was soll ich tun?

Nun, nicht, dass es nicht schön wäre. Und die gegenteilige These, es gebe überhaupt keine allgemein verbindlichen Werte, lässt mich eher erschrecken. Doch bedeutet der Wunsch allein noch kein Argument. Was fällt mir also ein?

Nehme ich das letzte Croissant? Einfach so sicher nicht. Ich frage also meine Tischgenoss*innen. Freundlich erhalte ich die Auskunft, niemand möchte das Croissant. Gerne greife ich zu.

Doch, ach je, mich ergreift ein ungutes moralisches Gefühl.

War es vielleicht nur Freundlichkeit und ich beanspruche doch ungerechtfertigt das Croissant? Auf wie viele Croissants darf ich also Anspruch erheben? Gleich viele, wie alle anderen? Aber nicht alle mögen doch Croissants. Gleichwertig in Relation zum Geschmack der Tischgenoss*innen? Oh je, das wird kompliziert. ..

Neuer Versuch. Darf ich eine Ausrede erfinden? Also lügen? Unter welchen Umständen? Sicher reicht es moralisch nicht hin, wenn ich mir durch die Ausrede eigene Nachteile erspare. Vielleicht wenn ich durch die Ausrede dem anderen Nachteile erspare? Wie sollte ich das wissen? Darf ich also niemals Ausreden erfinden? Ich soll immer die Wahrheit sagen.

Ach, mir fallen sogleich Beispiele ein, in denen ich es zumindest moralische bedenkenswert finde, die Wahrheit zu sagen, weil ich andere damit vielleicht verletze.

Wahrscheinlich verletze ich meine Nachbarin damit, wenn ich ihr meine ehrliche Meinung über ihre neue Hose eröffne. Eine „kleine“ Lüge schützt uns beide vor unangenehmen Gefühlen. Auch mein Freund wird sich wohl besser fühlen, wenn ich ein „klein wenig“ über sein Geschenk lüge, oder? Ein Geschenk ist meist doch eine Geste der Zuwendung und Freundschaft, unabhängig vom „Inhalt“ des Geschenks. Jedoch scheint es unmöglich allgemein festzulegen, wann es moralisch richtig sein kann, zu lügen und wann nicht.

Was hat es nur mit diesem moralischen Gefühl auf sich, das ich immer wieder bemühe, wenn ich nicht sicher bin, woran ich mein Handeln ausrichten soll? Könnte darin ein Hinweis liegen, hin zu einem allgemein verbindlichen Wert?

Ein Wert begleitet mich bereits durch den ganzen Text. Ich bin bemüht einzuschätzen, was mein Handeln für die anderen bedeutet.

Der Wert trägt den schönen Namen Mitgefühl.

Mitgefühl als ein achtsames Wahrnehmen, was der andere fühlt, verbunden mit dem wahrhaftigen Wunsch, Gutes für den anderen zu bewirken.

Sollte dies nicht ein allgemein verbindlicher Wert für alle Menschen sein?