Wir starten mit einigen Beispielen von Dingen, die ich möglicherweise der Gesellschaft schulde. Da werden Respekt und Anerkennung anderer Personen genannt. Und auch freiwilliges Engagement, wenn ich dazu die Möglichkeit habe. Oder auch das Einbringen meines Wissens und meiner Fähigkeiten zugunsten der Gemeinschaft. Jedoch wird auch eine verneinende Haltung eingebracht: Da wir unsere Geburt an einem bestimmten Ort in eine bestimmte Gesellschaft nicht selbst verantwortet haben, hätten wir keine Schuld gegenüber der Gesellschaft.
Ob ich nichts oder eine ganze Menge der Gesellschaft schulde, scheint zunächst nicht eindeutig.
Einen Schritt zurück also. Was ist die Gesellschaft? Allgemein betrachtet finden wir einen halbwegs tragfähigen Konsens darin, dass es um die Gemeinschaften oder Gruppen im Viertel, in der Gemeinde, unserer Stadt, dem Landesteil oder Land oder auch der ganzen Welt geht. Je größer wir den Rahmen spannen, desto schwieriger wird es für uns zu bestimmen, ob es hier eine verallgemeinerbare Erwartung der Gesellschaft an die Einzelnen gibt. Zu unterschiedlich sind verschiedene Kulturen der Welt.
Was und ob ich etwas der Gesellschaft schulde, scheint sehr von den kulturellen Normen der Bezugsgruppe abhängig.
So mag ein Staat die Einhaltung der Gesetze und das Zahlen von Steuern einfordern. Ein Stadtviertel wohl die Einhaltung guter Nachbarschaft und Rücksichtnahme, vielleicht auch Solidarität und soziales Engagement. Wir fragen uns, ob der Begriff Schuld hier angemessen ist? Sicher, ich muss Steuern zahlen, tue ich dies nicht, kann ich juristisch belangt werden. Doch viele der Erwartungen der verschiedenen Gesellschaften sind eher freiwillig. Allerdings sind viele der Ansicht, ich sollte etwas der Gesellschaft zurück geben. Denn auch ich habe vieles von der Gesellschaft erhalten.
Vieles kann ich für die Gesellschaft tun, dass ich ihr nicht unbedingt schulde, dennoch gibt es gute Argumente, dass ich etwas für die Gesellschaft tun sollte.
Und da unser heutiger Gastphilosophi des Abends Slavoj Žižek ist, soll hier noch ergänzt werden, dass Žižek der Ansicht ist, wir schulden der Gesellschaft unsere Systemkritik. Ein anderer Gedanke findet jedoch mehr Resonanz heute. Sollten wir nicht dankbar sein, dass wir so viele gute Erfahrungen machen durften und so gute Startbedingungen in unser Leben hatten? Und angesichts dieser Dankbarkeit gerne und mit Freude unser Engagement der Gesellschaft zur Verfügung stellen?
Möglicherweise ist es gerade nicht die Frage, ob ich der Gesellschaft etwas schulde, sondern was ich gerne in die Gesellschaft einbringen will.
Hier kehren wir zurück zu Respekt und Akzeptanz. Wir wünschen uns diese in einer gerechten Gesellschaft und können möglicherweise durch unsere eigene Akzeptanz und Toleranz dazu beitragen. Vielleicht schulde ich den Menschen mit denen ich die Welt teile, lediglich die Einhaltung dieser goldenen Regel.
