Wie wirklich ist meine Wirklichkeit?

Es scheint uns heute schwer, ins Gespräch zu kommen. Zunächst stossen wir auf ein Paradox: Auf eine Art sind wir immer in unserer Wirklichkeit, die uns daher als wirklich erscheint. Aus einer anderen Perspektive stellt unsere Wirklichkeit immer nur ein sehr unvollständiges Abbild unseres Erlebens dar, eine Konstruktion von Wirklichkeit.

Eine wirkliche Wirklichkeit scheint zunächst einmal ein Paradox zu sein.

Wir suchen daher Beispiele. Wenn ich träume und dann erwache, unterscheide ich eine konstruierte Traum-Wirklichkeit, die mir im Traum wirklich erscheint, von meinem wachen Erleben. Um meine erlebte Wirklichkeit als wirklich zu bewerten, sollte diese also nicht eine reine Konstruktion meines Denkens sein. Eine Stuhl ist da, ich kann mich setzen, er verschwindet nicht einfach oder verändert seine Gestalt. Eine Tür kann ich öffnen, um hindurch zu gehen, sie bleibt am gleichen Ort im Raum, auch wenn ich diesen verlasse.

Die Welt der Dinge kann ich aus der Erfahrung heraus als wirklich bewerten.

Doch wie ist es mit nicht stofflichen Gegebenheiten, zum Beispiel Gefühlen oder Motiven? Meine Gefühle und Motive sind mir unmittelbar gegeben. Dennoch kann ich aus verschiedenen Gründen mich selbst über ihre Wirklichkeit täuschen. Ein unerwünschtes Gefühl kann zum Beispiel aus dem Bewusstsein verdrängt werden und ein anderes erwünschtes wird konstruierte Wirklichkeit. Ein unmoralisches Motiv kann durch ein sozial anerkanntes ersetzt werden und zu meiner Wirklichkeit werden.

Bei nicht stofflichen Gegebenheiten können konstruierte Wirklichkeit der Person und das, was der Fall ist, verschieden sein.

Doch wer sagt schon, was der Fall ist? Eine einzelne Person kann die Menge der Zustände, welche in einem Moment aktuell sind, nicht erfassen. Es bleibt immer eine Konstruktion. Ich spüre vielleicht Trauer über den Verlust einer geliebten Person. Und dann vielleicht auch Wut. Und dann vielleicht auch Einsamkeit. Welches Gefühl ist wirklich? Alle zugleich? Jedes für sich abwechselnd? Und die Gefühle, welche ich im Moment nicht wahrnehmen kann? Doch vielleicht eine andere Person?

Wir sind gezwungen, unsere Wirklichkeit aus den wahrgenommenen Gegebenheiten heraus zu konstruieren.

Damit geraten wir erst einmal in ein Dilemma. Konstruieren wir eine private Wirklichkeit, verlieren wir die Verbindung zu anderen. Folgen wir sozialen Verbindungen in unserer Wirklichkeitskonstruktion, verlieren wir uns selbst. Wir können trauern, weil wir traurig sind und auch, weil es eine Konvention verlangt. Unsere Trauer und auch die Konvention sind wirklich. Die Wirklichkeit unserer Wirklichkeit misst sich also auch daran, ob Widersprüche einbezogen werden können.

Eine Wirklichkeit, welche für uns wirklich ist, verlangt die Akzeptanz von Widersprüchen.

Darin liegt vielleicht ein grundlegender Unterschied zwischen Wirklichkeit und Wahrheit. Eine Wahrheit hebt Widersprüche auf. Wirklichkeit hingegen hält diese aus. Meine Wirklichkeit ist umso wirklicher, je mehr sie die bestehende Dynamik von persönlicher Wahrnehmung und sozialer Verbundenheit in sich aufnehmen kann.

Leben in und mit Widersprüchen scheint somit eine grundlegend philosophische Kompetenz.

Was können wir wirklich wissen?

Wenn wir das wüssten!? Eine alte Frage der Philosophie, vielleicht so alt wie die Philosophie selbst. Wer philosophiert, der will wirklich wissen, nicht nur an vorgeblich Gewusstes glauben. Aber was wissen wir über das Wissen?

Wenn wir wirklich wissen wollen, stellen wir die Frage danach, was wir über unser Gewusstes wissen können.

Wie immer suchen wir nach Beispielen. Da weiß eine, dass 1+1=2 ist, weil es in der Schule gelehrt wird und auch die Grundlage vieler Wissenschaften ist. Auch kann dies im Alltag überprüft werden, zum Beispiel wenn ich zähle. Ein anderer erklärt, dass er von der Erfahrung, etwas funktioniert im Alltag, auf Gewusstes schließt. Ich weiß etwas, wenn ich mein Wissen anwenden kann, weil es im Ergebnis funktioniert, zum Beispiel beim Autofahren.

Wissen wird gelehrt und geteilt und kann in der Erfahrung im Alltag nachvollzogen werden.

Aber da ist auch ein anderes Beispiel von der Erde als eine Scheibe, das einmal als Wissen galt und geteilt wurde und sogar in der Erfahrung überprüft. Dann aber passte es nicht mehr zu den neuen Erfahrungen und Beobachtungen der Menschen. Alle Argumente und vorgebliche Beweise konnten nicht verhindern, dass die Erde zu einer Kugel im endlosen Weltraum wurde.

Wissen muss sich immer neu beweisen, in der Erfahrung und Beobachtung überprüft werden dürfen.

Also können wir vorläufig so Manches wissen. Was wir uns dann aber weiter fragen ist, ob es auch Wissen darüber geben kann, was das Gewusste selbst ist? Ist es schon da, bevor wir etwas darüber wissen? Was ist die Welt ohne den Menschen, der etwas über die Welt zu wissen vorgibt? Das Wissen scheint eine Art Doppelung der Welt zu sein, im Idealfall seine identische Abbildung. Das wir eine solche Identität im Wissen nicht erreichen können erscheint uns logisch.

Unser Wissen kann niemals vollständig sein, schon weil die Welt sich ständig verändert.

Zugleich ist es nicht sinnvoll, auf den Begriff des Wissens zu verzichten. Wir wissen etwas über die Welt aus Erfahrung und Beobachtung und Vieles davon hilft uns, unseren Alltag und auch die großen Dinge im Weltgeschehen zu verstehen und sinnvoll zu handeln. Philosophieren bedeutet die Einsicht, dass unser Wissen und das Gewusste niemals übereinstimmen können und dass wir unser Wissen immer wieder neu überprüfen müssen.