Was können wir tun, um Obdachlosigkeit abzuschaffen?

Ein besonderer Abend unter dem Motto Engagiert euch! Zu Gast sind Oliver und Lisa von Fifty-Fifty und auch Marcus alias Krickel Krakel, ein ehemals obdachloser Künstler aus Düsseldorf. So erhalten wir anders als sonst zunächst viele Informationen über das Thema. Wir fragen nach und informieren uns, lernen einiges über soziale und politische Bedingungen, die Obdachlosigkeit entstehen lassen. Und auch, dass zumindest aus Sicht von Fifty-Fifty, Obdachlosigkeit zu überwinden ist.

Es gibt vielfältige und komplexe soziale, gesellschaftliche und politische Bedingungen, aus denen Obdachlosigkeit entsteht.

Wir sind uns einig, dass Obdachlosigkeit nicht mit unseren Werten vereinbar ist. Da werden genannt, das Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Leben. Das Recht, als Mensch grundsätzlich in sozialer Sicherheit zu leben und in vergleichbarer Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs. Das Grundrecht auf eine Wohnung. Und allgemein humanitäre Werte von Solidarität und Mitmenschlichkeit.

Wir können Obdachlosigkeit mit Blick auf unserer Werte nicht akzeptieren.

Und was können wir tun, um Obdachlosigkeit zu überwinden? „Alles was hilft, hilft zunächst einmal,“ sagt Oliver. Darüber hinaus sollten wir versuchen, die strukturellen Ursachen, die Obdachlosigkeit entstehen lassen und aufrecht erhalten zu beseitigen. Wir erhalten auch Unterstützung von unserem „Gastphilosophen“ des Abends, Jeremy Bentham. Aus Sicht des Begründers des Utilitarismus geht es bekanntlich darum, das größte Glück für die größtmögliche Anzahl von Menschen zu realisieren. Einzelmassnahmen zur Linderung von Not sollten aus seiner Sicht daher immer auch durch nachhaltige systemische Lösungsansätze ergänzt werden.

Obdachlosigkeit zu überwinden bedarf auch nachhaltiger Lösungsansätze, um langfristig Obdach zu sichern.

Wir diskutieren verschiedene Ansätze und Konzepte. So können wir Personen ohne Obdach einfach bedingungslos eine Wohnung überlassen. Dieser als „housing first“ bekannte Ansatz hat bereits vielen Personen in Düsseldorf und weltweit eine sichere Wohnung ermöglicht. Auch genannt wird die Bedeutung von bezahlbarem Wohnraum und aktiver staatlicher Beteiligung am Wohnungsbau, Stärkung von Genossenschaften und kommunalen Bündnissen. Dadurch soll Obdachlosigkeit durch Verdrängung vorgebeugt werden. In der Diskussion wird klar, dass es keine einfachen Lösungen gibt, sondern viele komplexe Fragestellungen, die einer politischen Antwort bedürfen.

Um Obdachlosigkeit vorzubeugen und langfristig Obdach zu sichern bedarf es auch politischer Antworten auf sehr komplexe Fragen.

Manche äußern, sie fühlen sich als einzelne Menschen von dieser Komplexität überfordert. Früher gewohnte Milieus und Solidaritäten bestehen nicht mehr, manche neue seinen fragwürdig oder gar abzulehnen. Fortschreitende soziale Individualisierung scheint die Verantwortlichkeit für Obdachlosigkeit von der Gesellschaft auf die einzelne Person zu verschieben. Darauf antworten einige damit, dass es daher darauf ankommt, dem entgegen zu wirken, im persönlichen Umfeld für die Werte einzustehen, sie zu verbreiten und persönlich zu leben. Dann könnten neue Netzwerke von Solidarität und nachbarschaftlicher Unterstützung entstehen.

Als einzelne Personen können wir zudem durch gelebte Werte von Mitmenschlichkeit den sozialen Zusammenhalt stärken und Ausgrenzung entgegen wirken.

Damit kommen wir auf die Frage zurück, was wir persönlich tun können, um alltägliche Not zu lindern. „Niemand ist freiwillig auf der Strasse!“ erinnert uns Marcus aus seiner Erfahrung an unsere Verantwortung. Ansprechen statt Wegsehen, Respekt und ein kurzes Gespräch, aber auch materielle und finanzielle Hilfe sind uns möglich und wirken Ausgrenzung und Not entgegen. Wem das zu nah ist, der kann lokale Initiativen unterstützen.

Es ist vor allem wichtig, so lernen wir heute, Lösungen zu sehen anstatt Probleme, Möglichkeiten zu handeln anstelle von Hindernissen.

Das ist praktizierte Philosophie.

Was schuldet die Gesellschaft mir?

Heute also Teil 2 der Frage nach der wechselseitigen Verantwortung zwischen Gesellschaft und einzelnen Personen. Wir sammeln zunächst Beispiele und Ideen. Einer nennt da Struktur und Regeln als Schuld der Gesellschaft. Eine andere die Sorge um ein friedliches Miteinander. Noch eine Person benennt Toleranz und Respekt für die Besonderheit des Einzelnen. Wieder eine andere Person möchte vor allem ihre Freiheit garantiert wissen.

Es gibt viele verschiedene Ideen für eine Schuld der Gesellschaft dem einzelnen gegenüber.

Doch woher nehmen diese Positionen ihr Argument? Gibt es wirklich eine Schuld der Gesellschaft der einzelnen Person gegenüber? Es folgt ein Argument aus der möglichen Entstehung von Gesellschaft: Einzelne Personen schließen sich zusammen zu ihrem gemeinsamen Schutz und Garantie für verschiedene Rechte. In einem Gesellschaftsvertrag treten einzelne Personen ihre natürlichen Rechte an eine rechtliche Person „Gesellschaft“ ab, und daher rührt eine Schuld der Gesellschaft.

Aus der Position eines „Gesellschaftsvertrages“ lässt sich eine Schuld der Gesellschaft seinen angehörigen Personen gegenüber ableiten.

Doch es gibt auch Gegenstimmen. Einen „Vertrag“ habe schließlich niemand wirklich abgeschlossen oder diesem zugestimmt. Vielmehr werde eine Person in eine bestimmte Gesellschaft hinein geboren und gehöre fortan dieser an. Entgegnet wird, dass jede Person schließlich das Recht habe, auszutreten oder einzutreten. Zumindest formal, wenn auch nicht immer in der Realität.

Durch meine Entscheidung, in einer bestimmten Gesellschaft zu bleiben, erhalte ich bestimmte Rechte (und auch Pflichten).

Eine radikale Position nimmt schließlich unser heutiger Gastphilosoph, Sören Kierkegaard ein. Er ist der Überzeugung, die Gesellschaft schulde dem einzelnen gar nichts. Vielmehr stehe die Gesellschaft der Verwirklichung der einzelnen Existenz sogar im Weg. Wir verstehen diesen Einwurf als eine Aufforderung zu einer kritischen Haltung gegenüber der Gesellschaft.

Vielleicht verstellt die Sicht auf eine „Schuld“ der Gesellschaft eine notwendige kritische Haltung dieser gegenüber.

Denn was uns die Gesellschaft schuldet, bestimmen wir durch unser Handeln in der Gesellschaft selbst. Es gilt also die Frage zu beantworten, was wollen wir als einzelne Personen in einer Gesellschaft von der Gesellschaft als kollektivem Zusammenschluss? Es wird klar, wir Können Gesellschaft nicht als von uns getrennte Institution verstehen, die uns etwas schuldet.

Was eine Gesellschaft mir schuldet, ist nicht unabhängig von meinem Haltung der Gesellschaft gegenüber.

In etwa so: Habe ich zum Beispiel die Haltung, eine Gesellschaft schuldet mir ein sorgenfreies Leben in Freiheit und Schutz, so stellt sich die Frage, wie gesellschaftlich Sorge, Gewalt und Begrenzung ausgeübt werden können, um diese Ziele zu sichern. Es wird also darauf ankommen, diese widersprüchlichen Größen zu balancieren.

Was schulde ich der Gesellschaft?

Wir starten mit einigen Beispielen von Dingen, die ich möglicherweise der Gesellschaft schulde. Da werden Respekt und Anerkennung anderer Personen genannt. Und auch freiwilliges Engagement, wenn ich dazu die Möglichkeit habe. Oder auch das Einbringen meines Wissens und meiner Fähigkeiten zugunsten der Gemeinschaft. Jedoch wird auch eine verneinende Haltung eingebracht: Da wir unsere Geburt an einem bestimmten Ort in eine bestimmte Gesellschaft nicht selbst verantwortet haben, hätten wir keine Schuld gegenüber der Gesellschaft.

Ob ich nichts oder eine ganze Menge der Gesellschaft schulde, scheint zunächst nicht eindeutig.

Einen Schritt zurück also. Was ist die Gesellschaft? Allgemein betrachtet finden wir einen halbwegs tragfähigen Konsens darin, dass es um die Gemeinschaften oder Gruppen im Viertel, in der Gemeinde, unserer Stadt, dem Landesteil oder Land oder auch der ganzen Welt geht. Je größer wir den Rahmen spannen, desto schwieriger wird es für uns zu bestimmen, ob es hier eine verallgemeinerbare Erwartung der Gesellschaft an die Einzelnen gibt. Zu unterschiedlich sind verschiedene Kulturen der Welt.

Was und ob ich etwas der Gesellschaft schulde, scheint sehr von den kulturellen Normen der Bezugsgruppe abhängig.

So mag ein Staat die Einhaltung der Gesetze und das Zahlen von Steuern einfordern. Ein Stadtviertel wohl die Einhaltung guter Nachbarschaft und Rücksichtnahme, vielleicht auch Solidarität und soziales Engagement. Wir fragen uns, ob der Begriff Schuld hier angemessen ist? Sicher, ich muss Steuern zahlen, tue ich dies nicht, kann ich juristisch belangt werden. Doch viele der Erwartungen der verschiedenen Gesellschaften sind eher freiwillig. Allerdings sind viele der Ansicht, ich sollte etwas der Gesellschaft zurück geben. Denn auch ich habe vieles von der Gesellschaft erhalten.

Vieles kann ich für die Gesellschaft tun, dass ich ihr nicht unbedingt schulde, dennoch gibt es gute Argumente, dass ich etwas für die Gesellschaft tun sollte.

Und da unser heutiger Gastphilosophi des Abends Slavoj Žižek ist, soll hier noch ergänzt werden, dass Žižek der Ansicht ist, wir schulden der Gesellschaft unsere Systemkritik. Ein anderer Gedanke findet jedoch mehr Resonanz heute. Sollten wir nicht dankbar sein, dass wir so viele gute Erfahrungen machen durften und so gute Startbedingungen in unser Leben hatten? Und angesichts dieser Dankbarkeit gerne und mit Freude unser Engagement der Gesellschaft zur Verfügung stellen?

Möglicherweise ist es gerade nicht die Frage, ob ich der Gesellschaft etwas schulde, sondern was ich gerne in die Gesellschaft einbringen will.

Hier kehren wir zurück zu Respekt und Akzeptanz. Wir wünschen uns diese in einer gerechten Gesellschaft und können möglicherweise durch unsere eigene Akzeptanz und Toleranz dazu beitragen. Vielleicht schulde ich den Menschen mit denen ich die Welt teile, lediglich die Einhaltung dieser goldenen Regel.