Was heißt denn hier unmoralisch?

Wir suchen einen Zugang zu moralischen Werten über den alltäglichen Blick auf das, was wir als unmoralisch oder falsch ablehnen, was sich nach allgemeiner Auffassung eben nicht gehört. Wir sollten zum Beispiel nicht mit vollem Mund reden, nicht lügen und schon gar niemandem absichtlich Schaden zufügen.

Als unmoralisch gilt, was nach allgemeiner Auffassung nicht den geltenden Moralvorstellungen entspricht.

Doch wir geraten in Schwierigkeiten. Zu unterschiedlich sind die wahrgenommenen Moralvorstellungen aktuell zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und Generationen. Da ist dem einen die monogame lebenslange Beziehung zwischen Mann und Frau die moralisch zwingende Lebensform. Und der anderen eben eine in offenen romantischen Beziehungen gelebte nicht binäre sexuelle Identität.

Was als moralisch gilt, ist abhängig vom jeweiligen sozio-kulturellen Kontext.

Damit bekommt die Zuschreibung „unmoralisch“ eine regulative Funktion. Wer gehört dazu, wer nicht? Wer verhält sich angepasst und angemessen und sichert damit den Zusammenhalt der Gruppe? Wer nicht? Wir, das sind immer die Guten, die es richtig machen. Die, das sind die anderen, die es falsch machen. Zugehörigkeit als ein bedeutsames Grundbedürfnis im Dienste einer Allgemeinheit. So kann zum Beispiel die Vorschrift der Monogamie als ein wichtiges Regulativ zur Stabilisierung von Gesellschaften über eine lange historische Zeit Gültigkeit behalten.

Unmoralisches Verhalten wird mit Ausschluss aus der gesellschaftlichen Gruppe bedroht.

Ändern sich die Bedürfnisse innerhalb von Gesellschaften, blockieren diese moralischen Regeln jedoch notwendige Entwicklungen. Erst einzelne Personen, dann ganze Personengruppen verhalten sich bewusst „unmoralisch“, um Veränderungen zu erzwingen. Dies geht nicht ohne größere Konflikte aus. So kann zum Beispiel der politisch und sozial ausgetragene Konflikt um einen nicht binären Genderbegriff als ein solches Ringen um die Anerkennung neuer Bedürfnislagen in der Gesellschaft verstanden werden. Die einen wünschen Entwicklung zu neuen Freiheiten, die anderen fürchten Verlust von gewohnter Sicherheit.

In Gesellschaften werden über moralische Wertvorstellungen Entwicklungsprozesse ausgetragen.

Verlust von Sicherheit bedeutet für uns auch eine starke emotionale Herausforderung. So wird auch unsere Diskussion zeitweise emotional ausgetragen. Dennoch kommen wir zum Schluss auch auf die Machtkomponente von „moralisch“ vs. „unmoralisch“. Ist „moralisch doch allzu oft das, was den bestehenden Machtverhältnissen dient. Oder sagen wir ruhig, was den Personen, welche sich dieser Macht bedienen, nützt.

Die Zuschreibungen „moralisch“ und „unmoralisch“ werden oftmals politisch strategisch gesetzt.

Wir dürfen also aufmerksam sein.

Was macht die Macht mit uns?

Zunächst fallen uns viele Beispiele dafür ein, wenn die Macht mit uns Negatives macht. Da wird eine WG von der Polizei durchsucht ohne Gerichtsbeschluss auf einen vagen Verdacht hin. Da kann ein Chef aufgrund seiner Position ungerechte oder auch unsinnige Entscheidungen durchsetzen. Ein anderer fühlt sich ohnmächtig gegenüber einem Hausbesitzer, der viel Geld und Beziehungen hat.

Die Macht kann unsere Grenzen überschreiten, für uns entscheiden und macht uns manchmal ohnmächtig.

Aber was ist, wenn wir selbst Macht haben? Zunächst halten wir uns alle für überhaupt nicht mächtig. Aber da sind einige, die Eltern sind. Diese Macht bedeutet Verantwortung für andere anzunehmen. Andere sind Vorgesetzte. Neben der Verantwortung für andere bedeutet dies auch Verantwortung für ein Unternehmen, ein Produkt, für die Kunden.

Die Macht macht uns verantwortlich, sie gut und angemessen einzusetzen.

Doch scheint uns Vieles daran nur allzu menschlich. Wir stöhnen und klagen unsere Machtlosigkeit an. Die mächtigen Anderen nutzen ihre Macht nicht angemessen. Wir erkennen unsere Freunde nicht mehr, mit denen wir uns einmal gleich fühlten, die nun heute mächtig sind.

Die Macht verändert uns, wir fühlen uns mächtig gut.

Manche vermuten den Menschen als ein Wesen, dass von sich aus nach Macht strebt. Um endlich nicht mehr anderen folgen zu müssen. Um endlich ganz frei von Zwang zu sein. Aber wir sind uns nicht einig. Manche meinen auch, wir könnten die Macht, sondern wir sie besitzen, auch einfach mit allen teilen. Dann sei keiner mehr mächtig und keiner mehr unterdrückt.

Eine Welt, in der keiner mehr Macht über niemanden hat, ist vielleicht eine Utopie.

Und dann sind wir selbst die Mächtigen und haben endlich Einfluss. Könnten wir in unserem Unternehmen für gerechte Arbeitsbedingungen sorgen? Wenn wir Eltern sind, könnten wir nicht frei und gewaltlos unsere Kinder erziehen? Wenn ich ein Haus besitze, könnte ich dann andere fair dort wohnen lassen?

Wir alle sind oft mächtiger als wir meinen.

Wenn wir uns darauf besinnen, welche Macht wir haben, jeden Tag unsere Beziehungen zu anderen zu gestalten, welche Welt könnte entstehen?